Dr. Anna Friedrich zum Gedenken
Auferstehungsgottedienst für Dr. Anna Friedrich am 25. Juni 2026
mit einer berührenden Rede ihres Sohnes, Dr. Otto Friedrich, FURCHE-Autor und Kolumnist:
Worte der Erinnerung an meine Mutter Dr. Anna Friedrich beim Begräbnisgottessdienst in der Bergkirche Eisenstadt, 25. Juni 2026,
Otto Friedrich
Vor etwa mehr als drei Jahren waren wir hier versammelt und haben meinen Vater zu Grabe getragen – der Lebensmensch für meine Mutter, fast 65 Jahre waren sie miteinander verheiratet. Der Tod ihres Mannes war für meine Mut-ter der Beginn ihres eigenen Abschieds. Diese drei Jahre waren für sie gewiss keine einfache Zeit, auch für uns, ihre beiden Kinder, nicht. Dennoch haben wir miteinander in dieser Zeit eine neue, andere Nähe erfahren dürfen. Die Kommunikation ist anders geworden, aber sie war weitgehend möglich, der tägliche Telefonanruf aus Wien, wo ich mit meiner Familie lebe, und der tägliche Telefonanruf aus den USA, wo meine Schwester Gertrud mit ihrem Mann lebt, sind da sogar ein Ritual geworden. Bis vor wenigen Wochen war diese Art der Kommunikation möglich, und danach konnten wir an ihrem Krankenbett noch zusammen singen – bis unmittelbar vor ihrem Weggehen.
Wir Kinder sind dankbar für diese drei in unterschiedlicher Form gemeinsa-men Jahre, wir sind auch dankbar für die Menschen, die sie in dieser Zeit betreut haben – die 24-Stunden-Pflegerinnen – ich nenne da vor allem Ana aus Serbien und Lucia aus Rumänien – eine herkulische Aufgabe, die diese Frauen bewältigt haben. Dankbar sind wir auch dem Team des Hauses St. Martin, in das meine Mutter Ende April übersiedelt ist.
Aber natürlich ist die Erinnerung an unsere Mutter weit mehr als der Blick auf die Jahre des Abschiednehmens. Und meine Mutter ist auch weit mehr als die eine Hälfte einer Lebensgemeinschaft, obwohl die 65 Jahre, die sie gemeinsam mit meinem Vater verbracht hat, natürlich außergewöhnlich und vorbildlich waren.
Dankbar sind wir Kinder, denen sie durch ihre Art der Erziehung und Begleitung den Lebensweg ermöglicht hat, und denen sie so viel Weite und Menschenfreundlichkeit mitgegeben hat. Dankbar sind wir auch für die Großmutter Anna Friedrich: Insbesondere für ihre Enkel Duncan und Corinne, die schon in jungen Jahren in vielen Ländern der Welt gelebt haben, war ihr Haus in Eisenstadt und ihre Fürsorge ein Ort der Geborgenheit. Ich möchte aus dem vielen, das wir dieser Frau, Mutter und Großmutter verdanken, nur drei Aspekte herausgreifen, umfassend kann ein reiches Leben wie das ihre sowieso nicht gewürdigt werden.
Das ist einmal die stete Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit. Die Tochter eines Fassbinders aus dem mittelburgenländischen Steinberg an der Rabnitz, war eine gelehrige und wissbegierige Schülerin, die intellektuell hoch hin-auswollte. Für die Handwerkerstochter ging sich in den kargen Nachkriegs-jahren wirtschaftlich der Besuch der Lehrerinnenbildungsanstalt Theresi-anum aus. Aber mit der Matura 1953 war die Bildungskarriere zu Ende, an ein Studium, das sie gerne angeschlossen hätte, war nicht zu denken. Meine Mutter fing gleich in der Hauptschule der Erlöserschwestern in Steinberg als Lehrerin an, allerdings musste sie da mit der halben Bezahlung für ihre vollen Lehrerinnenstelle vorliebnehmen. Nach der Heirat und der Geburt von uns Kindern, blieb sie zu Hause, 1971 startete sie neu in Berufsleben – als Religionslehrerin an der Übungsvolksschule und an der Hauptschule in Eisenstadt.
Nachdem wir Kinder aus dem Haus waren, begann meine Mutter – neben ihrer Lehrerinnentätigkeit – ein Theologiestudium. Uns Kinder brachte sie da schon in die Bredouille. Zuletzt hatte ich, der vier Jahre vor ihr ein Chemiestudium begonnen hatte, Sorge, dass sie, die Nebenbeistudentin, mich überholen könnte. Immerhin schaffte ich 1987 eine paar Monate vor ihr den Studienabschluss, im selben Jahr konnte auch meine Schwester ihr Medizin-studium beenden. Meiner Mutter genügte das immer noch nicht, sie hängte noch ein Doktoratsstudium der Theologie dran, das sie nach ihrem Eintritt in den Ruhestand abschloss.
Für mich ist diese Beharrlichkeit, ein Ziel zu verfolgen, auch wenn dieses von den Lebensumständen nicht erreichbar schien, vorbildhaft. Und ich habe das erst im Nachhinein begriffen.
Ein zweiter Aspekt, eine zweite Säule ihres Lebens war ihre Menschenliebe. Meine Mutter war Pädagogin mit Leib und Seele, und das konnte sie nur sein, weil sie sich so für diejenigen einsetzte, die ihr anvertraut waren. Als Religionslehrerin wollte sie Glauben erfahrbar machen, sie predigte niemals ein abstraktes Gottesverständnis. Das bedeutete auch, die konkreten Nöte und Fragen der Menschen, für die sie verantwortlich war, ernst zu nehmen und im Blick zu haben. Das betraf den konkreten Unterricht in der Klasse ebenso, wie dann die späteren Jahre, in denen sie in der Lehrerausbildung sowie als erste weibliche Leiterin des Religionspädagogischen Instituts der Diözese Eisenstadt in der berufsbegleitenden Fortbildung von Religionslehrern tätig war.
Und der dritte Punkt, den ich hier nennen möchte, war ihr Christinsein. Die Kirche von Eisenstadt hat meiner Mutter viel zu verdanken. Wir, ihre Kinder, hatten bestenfalls eine Ahnung davon. In den 1950ern war sie eine Jugendbewegte, in den 1960er Jahren eine Konzilsbegeisterte – und in den Jahrzehnten danach hielt sie den kirchlichen Aufbruch auch gegen alle Restaurationstendenzen hoch.
Sie redete einem befreienden und liebenden Gott, einem göttlichen Men-schenfreund das Wort. Das stand in ihrer Jugend noch durchaus im Wider-spruch zu einem Katechismus-Gott, der über die guten und bösen Taten jedes Einzelnen Buch führt und sie danach belohnt oder bestraft. Ihr Ansatz von Glaubensvermittlung war da ein gänzlich anderer – aber an den kirchlichen Schaltstellen saßen oft weiter Männer, denen derartige Zugänge zum Glauben suspekt waren. Insbesondere die Religionspädagoginnen und -pädagogen waren deren Feindbild, die den Glauben verwässern, zu wenig von Gott sprechen und so beitragen würden, dass die traditionelle Religion verdunstet. Meine Mutter stellte sich mit ihrer theologischen, aber auch menschlichen Kompetenz solchen Unglücks- und Untergangspropheten entgegen – auch wenn diese als Bischöfe den durchs Zweite Vatikanum angestoßenen Aufbruch zu bremsen versuchten.
Meine Mutter hat mir oft erzählt, welche Kämpfe sie da etwa mit fachlich nicht Kompetenten in der Bischofskonferenz auszufechten hatte, die die von ihr und ihresgleichen entwickelten Lehrpläne zu torpedieren versuchten. Man kann dieses Eintreten für ein Christentum, das in der Zeit und bei den Menschen seinen Platz behauptet, nicht hoch genug einschätzen.
Dazu kommt, dass noch vor einem Vierteljahrhundert innerhalb der katholi-schen Kirche die Möglichkeiten für Frauen – gelinde gesagt – enden wollend waren. Dass es heute zumindest in den mittleren kirchlichen Führungsposi-tionen immer mehr Frauen gibt, ist auch der schon angesprochenen Beharr-lichkeit von Persönlichkeiten wie meiner Mutter zu verdanken. Klar: Es ist hier immer noch viel zu wenig aufgebrochen, aber die Schritte, die meine Mutter setzte, waren – so bin ich überzeugt – für die Perspektiven von Frauen in der Kirche wichtig.
Ein Zusatzaspekt davon ist das Engagement meiner Mutter für die Selbst-ermächtigung von Frauen. Ich glaube, es gehörte zu den Tätigkeiten, die sie am meisten befriedigt hat, wenn sie landauf landab in Pfarren und Gemein-den unterwegs war, um mit Frauen Bibel zu lesen und sie zu einer frauen-befreienden Lektüre der biblischen Texte anzuleiten. Sie selber ist von diesen Abenden oder Wochenenden oft beschenkt zurückgekommen und hat mir erzählt, was sie da von anderen Frauen gelernt hat, und wie beglückt sie war, hier Denkanstöße geben, aber auch erhalten zu können.
Wir haben im Gottesdienst das Lied der Hanna aus dem ersten Buch Samuel gelesen – den Lobpreis einer Frau, die beharrlich war und nun einen Gott besingt, der sich der Schwachen, der ungerecht Behandelten, aber auch der Toten annimmt. Und wir werden heute am Grab meiner Mutter das Magnifi-kat singen, das Lied des Mädchens Maria im Neuen Testament, das mit ähn-lichen Worten und Bildern Gott preist. Ich denke, diese beiden Lieder mar-kieren Eckpunkte des Glaubens, der Gottesbilder, der Spiritualität meiner Mutter.
Liebe Freudinnen und Freunde meiner Mutter, bevor meine Familie nun mu-sikalisch mit „A Final Embrace“ – „Einer letzte Umarmung“ ihren letzten Weg einläutet, möchte ich noch danken: Ihnen allen, die sie heute ihr Leben ehren. Ich danke Pfarrer Roman Schwarz, einem langjährigen Freund meiner Eltern, für die Leitung des Gottesdienstes. Mit großer Freude und Dankbar-keit wissen wir auch Bischof Paul unter uns – er war nicht nur ihr Chef und derjenige, der sie zur Leiterin des RPIs gemacht hat, sondern auch über Jahr-zehnte hindurch ein Weggefährte meiner Mutter. Danke auch Generalvikar Michael Wüger, der ihr heute gleichfalls die Ehre erweist. Ich danke Sr. Pro-vinzoberin Maria Zeitler – auch sie eine Freundin – für die Gestaltung der Gebetsstunde. Ich danke Martin Seidl für die musikalische Begleitung an der Orgel. Und ich danke der Pfarre Eisenstadt-Oberberg und ihren Helferinnen, die es trotz des kurzfristigen Termins es ermöglicht haben, dass wir uns nach dem Begräbnis im Pfarrzentrum vis-à-vis dem Kircheneingang bei einer Agape treffen kön¬nen. Wir laden Sie alle zu dieser Begegnung ein - in Erin-nerung an meine Mutter Anna Friedrich.
