Immer deutlicher müssen wir zugeben: Wir haben die Geschichte oft verdrängt und haben daraus nur wenig gelernt, wir haben die Zukunft eingesperrt und fürchten, sie könnte uns entgleiten, und: Wir sind zum Spielball der Gegenwart geworden, den Moden und Launen, den Gefährdern, Spielern und Empörern ausgeliefert. Leben und Welt sind kompliziert geworden, verdächtig und verführerisch. Influencer täuschen, beeinflussen und gewinnen mit Ängsten und Unsicherheiten, mit Unwissen, den vielen Formen alter und neuer Armut und mit der ewigen Litanei des Jammerns der Unzufriedenen.
Schuldige werden schnell ausgemacht, das Denken wird zum Luxus, leichte Antworten überdecken echte Fragen und die Populisten haben das leichte Sagen. Diese gibt es nicht nur in den politischen Landschaften, noch mehr in allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen, auch in Relgion, Kirchen und Kulturen. Der Krieg der Bilder und der Informationskrieg bestimmen weitgehend das Denken und man darf sich wundern, wie glaubwürdig das Unglaubliche schon geworden ist: Lügen werden als Wahrheiten und Verschwörungen als Fakten verkauft.
Und bei all dem bleibt der Mensch das eigentliche Opfer, der Mensch mit seinen Ängsten und Hoffnungen, mit seiner Intelligenz und mit seinem Unvermögen, mit seinem Scheitern und Gelingen und mit seinen Dummheiten. Wie einfach Menschen, vor allem Junge, binnen kürzester Zeit radikalisiert und ausgenutzt werden, erleben wir bedrohlich und immer mehr. Das was verbinden sollte, die Sozialen Medien, sind zum Fallstrick gefinkelter und bedrohlicher Kriminalität geworden, die Menschen werden durch eine asoziale Kommunikationsmaschinerie verkauft, ausgeliefert und ihrer Freiheiten beraubt. Das „Wunder“ der Künstlichen Intelligenz wird kaum zur Weisheit beitragen, die den Menschen früherer Generationen gegeben war, um auch aus Schutt, Zerstörung und Ruinen eine gute Zukunft zu bauen. Zugleich sollten wir die großen Entwicklungen unsrer Zeit nicht kleinreden, dafür müssen wir dankbar sein. Niemand kann so verwegen sein und sich Zustände wünschen, die noch gestern heutig waren.
Es bleibt für alle viel zu tun: Dürre, Klimakrise, Ernteausfälle, Waldbrände, Inflation und steigende Armut, Flucht und Migration, Veralterung der Gesellschaft und die Herausfoderunhg der Pflege, sinkende Geburten, eine kinderlose Gesellschaft, der zerstörerische Umgang mit dem menschlichen Leben, Kriege, die längst nicht mehr territorial begrenzt sind, fehlende Arbeit. Die Stimmung, auch im provinzellen Hinterland, wird immer explosiver, verstärkt durch die Echokammern der Medien.
Papst Leo hat in seiner ersten Enzyklika diese Welt nicht verteufelt und nicht abgekanzelt. Er hat die von Gott geschaffene Menschheit, die großartige Menschlichkeit, den Menschen, seine Fähigkeiten und seine Sehnsucht, seine Zivilisation der Liebe benannt und sie ermutigt: „KI-Systeme machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet.“
Es braucht viel Weisheit, nicht nur schnelle Rezepte. Weisheit aber hat mit Gott zu tun, sie ist ein Stück von ihm, uns anvertraut und gegeben. Sie ist geduldig, erfinderisch, beglückend und weckt Hoffnung. Die Weisheit bläst nicht jedes Ungemach zur Katastrophe auf, sie macht nicht jedes private Missgeschick zu einer existenziellen Krise und redet nicht ständig von der Schlechtigkeit dieser Welt. Die Weisheit gibt sich nie der Verzweiflung hin, sie redet von Gott und den Menschen, von seiner und unserer Zukunft, nicht von Untergang, Verderben und apokalyptischen Ängsten, sondern von einer Welt, die heute noch in Geburtswehen liegt und Zukunft hat.
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